Hacktour 4/26: Verkehrsmuseum Remise
An einem sonnigen Oktobersonntag traf sich eine Hacktours-Gruppe vor dem Verkehrsmuseum Remise in der Fruethstraße 2. Während wir dort auf unsere Führung warten, verlässt ein Geburtstagssonderzug die Remise. Beim Verband der Eisenbahnfreunde (VEF) können Sonderfahrten mit historischen Wiener Straßenbahnwagen gebucht werden.
Unsere Führung startet bei den Anfängen der Wiener Verkehrsgeschichte: Ab 1865 wurde ein regelmäßiger Verkehr mit schienengebundenen Wagen eingerichtet, die von Pferden gezogen wurden. Wir erfahren, dass die Pferde als das Kapital der Pferdetramway betrachtet und dementsprechend gut versorgt wurden. Den Kutschern ging es nicht so gut. Sie waren Wind und Wetter ausgesetzt und konnten von ihrem kargen Lohn geradeso überleben.
Etwa ab 1880 wurden auch Dampflokomotiven vor die Straßenbahnwaggons gespannt. Der so genannte „Kochtopf auf Rädern“ wurde von der Dampftramwaygesellschaft Krauss & Comp. auf zwei Liniennetzen eingesetzt. Da die Dampflokomotiven wegen ihres Rußausstoßes in der Stadt unbeliebt waren, wurden sie südlich Richtung Mödling und nördlich Richtung Floridsdorf eingesetzt.
Die elektrische Straßenbahn gibt es in Wien seit 1897. Damals wurden bereits 95 Prozent der heutigen Strecke der Linie 5 bedient: vom Praterstern bis zum Raimundtheater. Kurz darauf wurden 1903 unter Bürgermeister Dr. Karl Lueger die privaten Straßenbahngesellschaften von der Gemeinde Wien übernommen: die Geburtsstunde der heutigen Wiener Linien (damals: Gemeinde Wien – städtische Straßenbahnen).
Der erste Weltkrieg bremste den Ausbau des öffentlichen Verkehrs aus. Autos, Omnibusse und Pferde wurden für den Krieg eingezogen. Mit der Straßenbahn wurden Verwundete ins Spital und Verstorbene (nur nachts) zum Zentralfriedhof transportiert. Da die Schaffner und Fahrer ebenfalls zum Kriegsdienst eingezogen wurden, übernahmen erstmals Frauen diese Tätigkeiten. Direkt nach Kriegsende wurden sie jedoch aus dem Betrieb gedrängt. Straßenbahnfahrerinnen gab es in Wien erst wieder ab 1970!
Aus heutiger Sicht ist eine Zeit, in der es keine Straßenverkehrsordnung gab, kaum vorstellbar. Wer jedoch auf eine Fotografie der Praterstraße aus dem Jahr 1895 blickt, erkennt, warum dies früher nicht notwendig war: Die meisten Menschen sind zu Fuß unterwegs. Am linken Rand der Straße ist die Pferdetramway auf Schienen unterwegs, den Rest der Straße teilen sich Kutschen mit Fußgänger:innen.
Eine einheitliche Regelung für Linksverkehr wurde in Österreich erst im Jahr 1915 eingeführt. In Vorarlberg und Tirol stieß dies jedoch auf Widerstand, da in den angrenzenden Ländern im Rechtsverkehr gefahren wurde. Am 19. September 1938 wurde schließlich in ganz Österreich auf Rechtsverkehr umgestellt. Dabei mussten von den Wiener Straßenbahnen innerhalb einer Nacht sämtliche Fahrzeuge, Gleisanlagen und Signale umgestellt werden.
Nach dem zweiten Weltkrieg ging der Trend in Richtung Autos. Straßenbahnen wurden als zu langsam und als Verkehrshindernis betrachtet. In Wien wurde etwa die Linie 13 zu einer Autobuslinie umgewandelt. Im Museum gibt es neben Fotos auch einen Audiobericht von der Abschiedsfahrt der Straßenbahnlinie 13 zu hören.
Nach dem zweiten Weltkrieg wurden Straßenbahngarnituren aus New York nach Wien verkauft. Die so genannten „Amerikaner“ waren in New York nur von 1939 bis 1946 im Einsatz, in Wien noch viele Jahrzehnte länger. Die Wagen waren eigentlich ein Stück zu breit, um auf den Wiener Strecken auch in Kurven sicher aneinander vorbeifahren zu können. Daher konnten sie ausschließlich auf hauptsächlich geraden oder einspurigen Strecken eingesetzt werden. Die noch heute von der Straßenbahnlinie 31 bediente Strecke nach Stammersdorf ist dafür ein Beispiel. Die amerikanischen Straßenbahnen sind also damals im russischen Sektor gefahren, erzählt unser Guide.
Manche Innovationen haben sich in Wien nicht durchgesetzt. Doppelstockwagen wurden etwa bereits 1915 bei der elektrischen Tramway eingesetzt. In der Remise ist auch ein Doppelstockbus zu sehen, den wir auch von innen besichtigen dürfen. Dabei fiel uns auf, dass Erwachsene im obigen Teil nicht aufrecht stehen konnten und bei holpriger Straße wohl des Öfteren mit dem Kopf an die Decke geschubst wurden. Unser Guide weist auch auf ein weiteres Problem hin: Viele Fahrgäste waren nur für kurze Strecken in Bus und Straßenbahn unterwegs und nutzten den oberen Bereich nicht. Die erste Generation der modernen Stock-Autobusse war in Wien von 1961 bis 1978 im Einsatz, die zweite Generation bis 1992. Langfristig wurden die Stock-Autobusse durch Gelenkbusse ersetzt und sind heute in Wien nur noch als Tourist:innenbusse im Einsatz.
Im Verkehrsmuseum sind viele Kuriositäten zu sehen, zum Beispiel ein blau-weiß gestrichener Salontriebwagen der Wiener Lokalbahnen, der von Mitgliedern des kaiserlichen Hofs für Fahrten zwischen Wien und Baden genutzt wurde. Er wurde auf Initiative des NÖ Lokalbahnmuseums in den Jahren 1973 bis 1977 instand gesetzt. In den 1970er-Jahren wurde im Zuge einer Modernisierungswelle viele alte Fahrzeuge ausgemistet. Durch den Verband der Eisenbahnfreunde (VEF) und die Initiative vieler Einzelpersonen konnten viele davon gerettet und für den Museumsbetrieb erhalten werden. Viele historische Fahrzeuge sind auch im Eisenbahnmuseum in Schwechat zu sehen. Die beiden unteren Bilder zeigen einen Salonwagen der Badner Bahn, der von Mitgliedern der kaiserlichen Familie genutzt wurde.
Wer sich für Schriften, ältere Werbemotive oder Schilder interessiert, findet im Verkehrsmuseum auch einige interessante Objekte.
Auch der Wiener U-Bahn ist im Verkehrsmuseum ein eigener Bereich gewidmet. Im U-Bahn-Simulator können die Besucher:innen selbst auf dem Fahrsitz Platz nehmen und eine U-Bahn steuern. Neben verschiedenen Sitz-Belägen und vielen Informationen zum Tunnel-Bau sind auch Röhren mit verschiedenen Bodenprofilen der Ausgrabungen beim U-Bahnhof Karlsplatz zu sehen.
Das Verkehrsmuseum Remise bietet einen ausgezeichnet aufbereiteten Einblick in die Wiener Verkehrsgeschichte. Alle Informationen finden sich auf der Webseite des Museums.











